Eine aktuelle Studie über Goldgegenstände in Griechenland lieferte wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der sozialen und kulturellen Dynamik der mykenischen Welt nach dem Zusammenbruch der Paläste. In diesem Zusammenhang wurden zwei in Kefalonia gefundene Grabbeigaben einer detaillierten Analyse unterzogen, die eine Überprüfung ihrer Ikonografie und Herstellungstechnik ermöglichte.
Die Untersuchung beschränkt sich nicht auf eine formale Beschreibung, sondern wirft neue Fragen über den Ursprung der dargestellten Motive und darüber auf, wie bestimmte Gemeinschaften in der Ägäis fremde Elemente in ihre eigenen Traditionen integrierten. Was wir dabei entdecken, ist eine wichtige Quelle für die Erforschung von Kontakten und Austausch im Mittelmeerraum und darüber hinaus.
Überraschung über in Griechenland gefunde ne Goldgegenstände: Was bedeuten die Symbole darauf?
Die erste Überraschung des Fundes in Griechenland liegt in der Art der dekorativen Symbole auf den beiden Goldgegenständen.
Beide wurden in Friedhöfen in der Region Livatho südwestlich von Kefalonia gefunden und stammen aus dem 12. bis 11. Jahrhundert v. Chr., also aus der postpalastalen mykenischen Zeit. Die Studie, in der sie analysiert werden, wurde im European Journal of Archaeology veröffentlicht.
Eines der Stücke stammt aus der Fundstätte Mazarakata und ist ein Fragment einer geschlagenen Goldscheibe mit einem Durchmesser von etwa 12 Zentimetern. Ihre Oberfläche weist konzentrische Kreise im Relief auf, ein Motiv, das in der mykenischen Goldschmiedekunst nicht üblich ist.
Das zweite Stück, das in Lakkithra gefunden wurde, ist ein vollständiges, längliches Objekt von 9,7 Zentimetern Länge, das mit einem vierstrahligen Rad verziert ist, das in einen Kreis eingeschrieben ist und von dem zwei Bänder ausgehen, die in symmetrischen Voluten enden.
Obwohl beide Ornamente die Verwendung von Gold und eine offensichtliche Sonnenikonografie gemeinsam haben, deuten ihre formalen und technischen Unterschiede auf unterschiedliche Entwicklungen innerhalb desselben kulturellen Kontexts hin.

Was ist der tatsächliche Ursprung der auf Kefalonia gefundenen Sonnensymbole?
Das auffälligste Merkmal dieser Goldobjekte in Griechenland ist der Ursprung ihrer dekorativen Motive. Die konzentrischen Kreise und das vierstrahlige Sonnenrad gehören nicht zum traditionellen mykenischen Symbolrepertoire.
Die vergleichende Analyse verbindet sie eindeutig mit Sonnensymbolen, die in Nord- und Mitteleuropa während der Bronzezeit dokumentiert sind.
In diesen Regionen hatte die Sonnenikonografie einen starken kosmologischen und religiösen Wert, verbunden mit dem täglichen Sonnenzyklus und Vorstellungen über die Ordnung der Welt. Die engsten Parallelen zu den Stücken aus Kefalonia befinden sich nicht in der Ägäis, sondern in Italien, insbesondere in Form von Goldmedaillen aus Votivdepots in Gualdo Tadino in Umbrien und Rocavecchia in Apulien.
Diese italienischen Beispiele werden als lokale Adaptionen mitteleuropäischer Symboltraditionen interpretiert. Der Studie zufolge lässt sich das Vorhandensein ähnlicher Motive auf Kefalonia nicht als stilistischer Zufall erklären, sondern ist das Ergebnis anhaltender kultureller Kontakte.

Griechenland eignete sich diese Goldgegenstände an: Wie interpretierte es sie neu?
Die Untersuchung schließt aus, dass es sich bei den Ornamenten um einfache Importe handelt, die unverändert in mykenischen Gräbern deponiert wurden. Im Fall der Scheibe von Mazarakata ähnelt das Stück sowohl technisch als auch ikonografisch den italienischen Vorbildern.
Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen fremden Gegenstand handelt, der in einen lokalen Bestattungskontext integriert wurde, möglicherweise an ein Leichentuch oder ein rituelles Kleidungsstück genäht, eine in der Ägäis bekannte Praxis, die jedoch in Gold selten vorkommt.
Das Stück aus Lakkithra weist einen anderen Entstehungsprozess auf.
Es kombiniert das Sonnenrad der europäischen Tradition mit Elementen der mykenischen Dekorationssprache.
Die Voluten an den Enden erinnern an Spiralen oder das Lilienmotiv, während die Füllung mit schrägen Linien auf Muster verweist, die in der lokalen Keramik üblich sind. Darüber hinaus ist die Technik des Umbiegens der Ränder zur Befestigung an einem Träger charakteristisch für die mykenische Goldschmiedekunst.
Dieses hybride Objekt wird als Beispiel für kreative Integration interpretiert, bei der ein externes Symbol durch lokale Formen und Techniken neu interpretiert wird. Das Ergebnis ist ein Ornament, das sowohl ferne Einflüsse als auch eigene Traditionen der Ägäis widerspiegelt.

Welche Funktion hatten diese Goldobjekte in Griechenland und welche Bedeutung haben sie?
Die genaue Funktion des Stücks aus Lakkithra ist nach wie vor umstritten. Aufgrund seiner Form vermuten Forscher, dass es als Verkleidung für den Griff eines Bronzespiegels oder den Griff eines kleinen Dolches gedient haben könnte.
Die Spiegelhypothese ist relevant, da solche Objekte häufig in Begräbniskontexten in der Ägäis vorkommen und symbolische Assoziationen mit Licht und Sonne haben.
Die Ablage beider Goldobjekte in Gräbern in Griechenland unterstreicht ihre symbolische Bedeutung. Im Fall von Lakkithra wurde das Schmuckstück in einem Sammelgrab zusammen mit Waffen und anderen Grabbeigaben gefunden, was auf die Bestattung einer Person mit Bezug zum Kriegswesen hindeutet. Diese Gegenstände waren nicht nur Zeichen des sozialen Status, sondern auch Ausdruck von Glaubensvorstellungen im Zusammenhang mit dem Übergang ins Jenseits.
Die Studie ordnet Kefalonia eine strategische Position innerhalb der Seewege zu, die die Ägäis mit der Adria und Mitteleuropa über Italien verbanden. Nach dem Untergang des mykenischen Palastsystems hätten diese Routen an Flexibilität gewonnen und den Austausch von Gütern, Menschen und Ideen begünstigt.
Laut der Hauptautorin der Studie, Christina Souyoudzoglou-Haywood, spiegeln diese Ornamente sowohl die Intensivierung der Fernkontakte als auch die Fähigkeit der lokalen Gemeinschaften wider, externe Einflüsse zu integrieren.
In ihren Worten sind sie ein Beweis für „eine dynamische Gesellschaft, die in ihrem kollektiven Gedächtnis verwurzelt, aber offen für Ideen aus anderen Kulturkreisen ist”.
